Wallfahrt nach Chartres: Die Botschaft Kardinal Sarahs an die Katholiken Frankreichs

Übersetzung aus dem Französischen von Hannes Kirmse

Originaltext (Thomas Renaud, 23. Mai 2018): https://fr.aleteia.org/2018/05/23/pelerinage-de-chartres-le-message-du-cardinal-sarah-aux-catholiques-de-france/

 

Die Rekordteilnehmerzahl des letzten Jahres wurde übertroffen. Gut 15 000 Anhänger im Glauben haben sich zur Pfingstmesse am Montag versammelt. Kardinal Sarah nutzte dieses Ereignis, um eine sehr starke Botschaft an die Katholiken Frankreichs zu richten:

„Werte Pilger Frankreichs, schaut Euch diese Kathedrale an. Eure Vorfahren haben sie erbaut, um den Glauben zu verkünden. (…) Eure Vorfahren waren nicht perfekt, auch sie waren nicht ohne Sünde. Aber sie wollten, dass das Licht des Glaubens in die Dunkelheit vordringe. Volk Frankreichs, auch heute musst Du aufwachen, das Licht wählen und der Dunkelheit widersagen!“

 

Die Erschöpfung war vielen anzusehen. Die Pilger, die drei Tage anstrengenden Marsches hinter sich hatten, konnten ihre Neigung zur Schläfrigkeit nicht verbergen. Kardinal Sarah setzte alles daran, sie wachzurütteln. Mit den ersten Worten seiner Predigt war der Grundton gesetzt: Es war der eines kraftvollen Aufrufs zur spirituellen Erweckung der Katholiken Frankreichs. Dies erinnert bereits an einen vorangegangenen Aufruf am 31. Oktober 2016, den er zur Abschlussmesse einer anderen Pilgerreise gegeben hat – jener der Pfadfinder Europas nach Vézelay. „Wenn ihr treu in Eurem Engagement seid, werdet ihr die Welt verändern“, sprach damals der Kardinal zu hunderten Jugendlichen.

 

Eine Botschaft an die Priester und die Eltern

Auch wenn die Chartres-Wallfahrt vorrangig die Jugendlichen bewegt – das Durchschnittsalter lag dieses Jahr bei 21 Jahren – wünschte Kardinal Sarah, sich vor allem an die Priester und die Eltern zu wenden. Die Priester waren wie jedes Jahr außerordentlich zahlreich. Sie kamen von den traditionellen Gemeinschaften wie der Petrusbruderschaft, dem Institut Christus König oder der Bruderschaft Saint-Vincent-Ferrier. Sie kamen aus den religiösen Orden wie der Gemeinschaft Saint-Jean, der Franziskaner der Immakulata, der französischen Benediktinerkongregation und ebenso aus den französischen und ausländischen Diözesen. An sie richtete der Kardinal zwei Botschaften: Sie sollen sich nicht in einem verschlingenden Aktivismus erschöpfen lassen. „Die Liturgie lehrt uns, dass es zunächst nicht viele Taten erfordert, um Priester zu sein. Sie sagt uns aber auch, dass sie niemals darauf verzichten dürfen, ein Zeichen des Widerspruchs zu sein.“ An die Eltern, die häufig als Paar oder in ihren Familien pilgerten, richtete er im Namen der Kirche einen Dank: „An Euch, liebe Eltern, werde ich eine ganz besondere Botschaft richten. In der heutigen Welt Familienvater oder -mutter zu sein, ist ein schwieriges Unterfangen und erfüllt mit Leiden, Hindernissen und Sorgen: Die Kirche sagt Euch Dank. Ja, sie sagt Euch Dank für die großzügige Hingabe Eurer selbst.“

 

„Macht die Erfahrung der einen Freude, die nicht vergeht“

Vor den tausenden anwesenden jungen Menschen wollte der Kardinal nichts von den Übeln verbergen, die unsere Gesellschaften beeinflussen und geistig schwächen: Die Konsumgesellschaft, die Einsamkeit und der Zusammenbruch der Individuen durch die gesamte Wirtschaft, die Verwüstungen durch die Pornographie, den islamistischen Terrorismus und den Hass bestimmter gegenwärtiger Ideologien auf die Christen. Man solle aber jedwede Opferattitüde ablegen. Viel eher solle man sich gedrängt sehen, mit der Leichtigkeit der Kinder Gottes gegen die Flut anzugehen. So zitierte Kardinal Sarah weiter den Schriftsteller T. S. Eliot: „In einer Welt der Flüchtlinge wird derjenige, der die entgegengesetzte Richtung nimmt, wie ein Deserteur aussehen.“ Auch wenn also in Europa die Kirche geschwächt zu sein scheint, fegte der Kardinal alle Versuchung, der Verzweiflung anheimzufallen, hinfort: „Ihr seid die Heiligen und die Märtyrer, welche die Nationen für eine Neuevangelisierung erwarten. Eure Vaterländer dürsten nach Christus, enttäuscht sie nicht!“ Jeden Jugendlichen forderte Kardinal Sarah auf, sich mit der eigenen Berufung auseinanderzusetzen: „Liebe Jugendliche, wenn Euch heute Christus bittet, ihm als Priester, Ordensmann oder Ordensfrau nachzufolgen, dann sagt ‚Fiat‘, sagt ein enthusiastisches und bedingungsloses ‚Ja‘!“ Jedes Jahr kommen viele junge Menschen, die sich den Wegen nach Chartres anvertrauen und die eine Vorahnung zur Berufung zum priesterlichen oder religiösen Leben in sich tragen. Sie sind die Priester, die Nonnen, die Mönche von morgen. Auch dies ist ein Wunder der Wallfahrt.

Werbeanzeigen

Hassprediger bei „katholisch.de“?

Ein Kommentar.

(Hannes Kirmse)

13.02.2017

Man kann zur AfD als Partei stehen wie man will. Sie provoziert, fordert den Mainstream heraus und bleibt am Ende doch ein politischer Mitbewerber unter vielen. – Ebenso kann man aber auch zum Ausgang der gestrigen Bundespräsidentenwahl stehen wie man will. Das Vertreten von Standpunkten und Gegenstandpunkten, die Vielzahl an Meinungen und damit auch das mögliche Aufkommen von Widerspruch charakterisiert das Wesen der Demokratie.

Da erstaunt es, dass dies Steffen Zimmermann, Redaktionschef von „katholisch.de“, dem offiziellen Internetportal der Deutschen Bischofskonferenz scheinbar nicht so sehen will und sich derart echauffierte, dass er am 12.02.2017 auf Twitter die AfD-Delegation zur wählenden Bundesversammlung als „hasserfüllte Frusttruppe“ und AfD-Wähler zugleich pauschal als „Arschlöscher“ diffamierte. Er bezeugt damit weder ein christliches Werte-, noch ein gesundes Demokratieverständnis. Sein Beitrag erfüllt all das, was die Amadeu Antonio Stiftung als „Hatespeech“ bekämpfen will: die gezielte, stigmatisierende Herabwürdigung von Personen und Personengruppen. Wer hinter einem politischen Repräsentanten oder hinter einem Wähler nicht mehr den Menschen sehen will, entmenschlicht und schürt den Hass, den etwa die AfD regelmäßig in Form von Gewalt aus dem linksextremistischen Milieu erfährt. Gleichzeitig steht der Beitrag von Steffen Zimmermann für jene unheilvolle politische Selbstlegitimation der Medien, die sie selbst unseriös werden lassen. Wer als Journalist nicht mehr objektiv kommentieren, sondern seine eigenen politischen Anschauungen zum besten geben will, deligitimiert sich damit selbst. Wenn es in der Intention von Herrn Zimmermann gelegen haben mag, die AfD zu schwächen, dann erreichte er mit seinem abgesetzten Tweet genau das Gegenteil: Er machte die AfD moralisch groß und sein Portal „katholisch.de“ klein.

Er sorgte binnen Stunden für eine Welle der Entrüstung aus den unterschiedlichsten politischen Lagern in den sozialen Netzwerken. Als Reaktion hat Zimmermann sein eigenes Twitter-Profil erst für die Öffentlichkeit gesperrt, um es dann wenige Zeit später gänzlich zu löschen. Abzuwarten bleibt nun, wie sich „katholisch.de“ zu dem Vorfall äußeren wird und welche möglichen Konsequenzen gezogen werden.

 

Screenshot von dem inzwischen nicht mehr existierenden Twitter-Profil Zimmermanns

Vom Verlust des Apodiktischen

In memoriam Marcel Reich-Ranicki

(Hannes Kirmse)

14408140_10210590777596555_1935864212_o

Er war ein Mann des offenen Wortes und wurde gerade dadurch populär, dass er kein Blatt vor den Mund nahm. Reich-Ranicki war eine Rechthaber-Natur und gehört damit einer Gattung intellectus an, die heute fast gänzlich ausgestorben zu sein scheint. Schließlich kann man dieser Haltung trotz allen Anstoßes einiges abgewinnen.

Seine Worte zwangen den jeweiligen Gegenüber zur Auseinandersetzung und dazu, selbst Stellung zu beziehen. Reich-Ranicki war ein Meister darin, gegen die sich in unserer konsumverwöhnten breitmachende Gleichgültigkeit anzukämpfen – eine Gleichgültigkeit etwa, die glaubt, zwischen Peter Sloterdijk und Richard Precht keinen nennenswerten Unterschied ausmachen zu können. Die von ihm angezettelten Debatten und Kontroversen wurden so legendär. Er vertrat – mehr oder minder bewusst – Werte wie Aufrichtigkeit und Originalität. Selbst bei kritischen Nachfragen behielt er sich seine unverkennbare Haltung bei und ließ sich etwa auch nicht von dem monumenthaften Thomas Mann abschrecken, als ich ihn 2011 zu dessen Verhältnis zur „Gruppe 47“ befragt hatte, sodass er freimütig bekannte, dass es besser gewesen wäre, wenn Mann sich überhaupt nicht mit diesem Thema befasst hätte.

Heute jährt sich zum dritten Mal sein Todestag. Mit ihm fehlt etwas in der Literatur und im Geistesleben unserer Gesellschaft.

Mogador – Stilsicherer Eskapismus

Eine Buchbesprechung von Hannes Kirmse.

Der erfahrene Mosebach-Leser mag erahnen, auf welche Art von Reise er sich einlässt. Es ist keine existentielle Sinnsuche à la Hermann Hesse, man wird mit keinem Einsiedler allein gelassen oder mit Hemingways Selbstbehauptung in der Wildnis konfrontiert. Wer mit Martin Mosebach nach Mogador reist, der tut dies nicht aus einem Bedürfnis der Selbstprüfung oder Selbststeigerung heraus, sondern lässt sich ein auf eine sinnlich ganz andersartige Welt fernab von postmodernem Lärm und Massentourismus.

Patrick Elff, der Held des bei Rowohlt neu erschienen Mosebach-Romans ist ein in dubiose Finanzgeschäfte verwickelter Bankier, der so Hals über Kopf aus seiner Arbeitsstadt Düsseldorf fliehen muss und im 2500 km entfernten, an der marokkanischen Atlantikküste gelegenen Mogador strandet. Es mag auf die Eigenart des Elff-Erschaffers zurückzuführen sein, dass er diesen als einen verkappten Schöngeist zeichnet, der mit Hingabe Philologie studiert hatte und dem so genauso gut eine akademische Laufbahn offen gestanden hätte. Wem die Biographie Mosebachs nicht fremd ist, mag dort einen unterschwelligen Querverweis auf dessen eigenes Schicksal erkennen: Mosebach, der, 1951 geboren, bis 1979 Rechtswissenschaften studierte, hätte sich, wie er selbst einmal bemerkt hat auch als „mittelmäßiger Rechtsanwalt“ niederlassen können. Doch entschied er sich nach dem zweiten Staatsexamen für die Schriftstellerei, was für ihn ein Wagnis bedeutet hat und mit jedem Roman immer wieder neu bedeutet. So kann Elff auch als hypothetisches Gedankenspiel, als eine kritische Auseinandersetzung darüber gedeutet werden, wie es in diesem anderen Milieu des handfesten Geschäftemachens mitunter zugehen kann, was sensitiv gesinnten Menschen wie eben auch Elff sehr schnell zur Pein und Verhängnis werden kann.

Mosebach spannt einen weiten, facettenreichen Erzählbogen, ist dabei gleichwohl darauf bedacht, diesen nicht zu überspannen und behält für alles das rechte Maß. Sein Refugium findet Elff bei der pythischen Khadija, die ihm die tiefe Welt des Orients zu eröffnen scheint. Ihr vielschichtiger Charakter zeigt sich in ihrem Hang zur Esoterik – Kartenlegen und die gewisse Verbindung zur Welt des Übersinnlichen, sowie zur Prostitution. Elffs Ankunft bei ihr und beginnende Abhängigkeit von ihr wird von dem Anklingen eines Kulturschocks begleitet. Nur mit äußerster Schwerfälligkeit gelingt es ihm, sich in die dort herrschenden Lebensbedingungen einzufügen, doch zerbricht er nicht daran. Selbst wenn man mit Patrick Elff zu den in der marokkanischen Lebenswelt schlummernden Abgründen – Armut, Korruption und Bigotterie – herabsteigt, erscheint dies alles mit der für Mosebach typischen Façon, welche Klonovsky als sein „kalligraphisches Ebenmaß“ bezeichnet hat.[1] – Charaktere, Schauplätze und Leitmotive erscheinen behutsam geordnet und harmonisch ineinandergefügt. Was manche seiner Kritiker ihm als „Detailversessenheit“ vorhalten wollen, entspringt doch viel eher dem Bedachtsein auf Ausgeglichenheit, Harmonie und dem immerwährenden Versuch, dem Augenblick dessen maximales künstlerisches Potential abzugewinnen. Die sich durch Bilderreichtum auszeichnende Sprache wird beispielsweise auch gegen Ende seines Romans deutlich, als damit begonnen wird, Elffs Reise zu resümieren: „Die Zeit, die er in Mogador verbracht hatte, würde im Rückblick als Aufenthalt in einer Art Schleuse erscheinen – als eine Nicht-Zeit, eine Saison wie unter Wasser in ungewissem Helldunkel.“

Mosebach hat vielleicht selbst einmal den Schleier um seine Erzählkunst etwas gelüftet, indem er im „Wortschätze“-Interview bekannte: „Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann denke ich in musikalischen oder abstrakten farblichen Vorstellungen und ich denke sozusagen symphonisch. Das kommt mir am nächsten für eine längere Erzählung.“[2]

Mosebach geht es in seinen Erzählungen um das Erfahren während einer Reise. Er offeriert uns Einladungen zum Nachdenken, Sinnieren, Innehalten, Reflektieren und Sich-Finden. – Wo hat man das im Zeitalter von Konsumgesellschaft und Massentourismus noch? – So bleibt zu hoffen, dass er uns noch auf zahlreiche Reisen mitnehmen wird.

 

[1] http://www.michael-klonovsky.de/adoration/martin-mosebach

[2] https://www.youtube.com/watch?v=iwf00UXemj0

Betrachtungen zum 100. Katholikentag in Leipzig

Hannes Kirmse

Wenn heute in Politik und Medienlandschaft über die Menschenwürde gesprochen wird, wird diese meist schlagwortartig mit Begriffen wie Solidarität, sozialer Gerechtigkeit oder Chancengleichheit gleichgesetzt. Inhaltlich zu füllen vermag die Menschenwürde dann niemand mehr. Der Begriff der Menschenwürde wird dann nur noch selbstreferentiell verstanden: „Ich achte, daß der andere mich achtet und achte ihn deshalb auch.“ Schön, gut und simpel mag diese Formel vielleicht klingen. Doch ist sie eine leere Formel, mit der man sehr schnell an Grenzen stößt: Zu achten gilt es dann nur den, auf den man wirtschaftlich, sozial oder aus anderen Gründen angewiesen ist oder den, mit dem man unmittelbar wie etwa in der Familie verbunden ist. Zu achten gilt es dann nur den, den man aus seinen eigenen Bedürfnissen heraus sieht.

Diese Grenzen in unserem Denken lassen sich aber nur dann überwinden, wenn wir die Menschenwürde inhaltlich zu füllen vermögen und wir uns dieser Fülle auch bewußt bleiben:

Ecce homo! („Seht, da ist der Mensch!“, Johannes 19,5) – Plötzlich tritt ein Sinneswandel ein. Wir sind dazu aufgerufen, den Menschen auch dort zu sehen, wo wir sonst nicht hinschauen: in Behindertenwerkstätten, in Altersheimen, in Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünften, in Gefängnissen, im Mutterleib oder über unsere eigenen Ländergrenzen hinweg. Der Mensch und die ihm immanente Würde lassen sich wahrhaftig erst dann sehen und verstehen, wenn wir erkennen, daß der Mensch Abbild beziehungsweise Ebenbild Gottes ist. Wenn wir die Ebenbildlichkeit erkennen, die uns geschenkt wurde, können wir die Augen nicht mehr verschließen. Wir sollten einander nicht nur achten, weil wir uns eben achten, sondern weil in uns etwas Höheres angelegt ist. Niemand kann auf der Straße im Vorübergehen oder beispielsweise in einer als Arzt in einer Geburtsklinik nur erahnen, welche Talente und meisterhaften Fähigkeiten, welche Spiritualität in den Menschen angelegt ist und eines Tages zum Vorschein kommen wird. Menschen auszugrenzen heißt daher auch, das Schöne und Gute, das aus dem im Menschen Angelegten gedeihen kann, auszugrenzen. So bedarf ein Flüchtling genauso gesellschaftlichen Schutz wie ein behinderter oder alternder Mensch oder wie ungeborenes Leben.

All diese Einsichten sind letztlich – wie es im Motto des Katholikentages aufgegriffen wird – im Leben und heilsbringenden Wirken Christi vereint: Niemand hat um der Gerechtigkeit willen mehr gelitten, indem er die Sünden der Welt auf sich genommen hat.

Daß Erklärungen wie diese immer wieder erforderlich sind, ist mitunter auch auf die Sinndefizite zurückzuführen, die sich in unserer als „postmodern“ und „säkular“ bezeichneten Gesellschaft auftun. Nicht zuletzt wird darüber hinaus davon gesprochen, daß sich sowohl die evangelische, als auch die katholische Kirche in einer Krise befänden. Wenn schon Bundeskanzlerin Angela Merkel als weltliche Vertreterin fordert, daß das Christentum den Mut haben solle, sich stärker zu sich selbst zu bekennen, dann kann und sollte dies auch als ein Appell verstanden werden, am Ende keinen „Etikettenschwindel“ zu betreiben. So sollte sich die Kirche gerade in Leipzig der tragenden Rolle bewußt bleiben, die sie innerhalb der Friedlichen Revolution eingenommen hat. Dabei ist es auch ein besonderer Grund der Freude, daß der Katholikentag zu seinem einhundertsten Jubiläum seinen Weg in diese geschichtsträchtige Stadt gefunden hat. Keinen „Etikettenschwindel“ zu betreiben heißt auch, sich stärker symbolisch an die Außenwelt zu wenden. Um als authentisch wahrgenommen werden zu können, sollte die Kirche verstärkt Christus wieder in ihre Mitte holen und nicht schon mit mangelnder Symbolik Sinndefizite offenlassen. So fehlt bis heute beispielsweise der Corpus Christi auf dem sehr kunstvoll gestalteten Kreuz im Innenraum des Neubaus der Propsteikirche in der Leipziger Innenstadt. Es bleibt zu hoffen, daß viele Besucher, die anläßlich des Katholikentages nach Leipzig kommen, auf dieses Fehlen hinweisen werden: Schaut auf Christus, denn er ist Mensch!

Die Politik des Unpolitischen

Die Politik des Unpolitischen

Eine Skizzierung

von Hannes Kirmse.

Wenn man sich ein Bild vom Begriff der „Politik des Unpolitischen“ machen will, muß man sich zwei konzentrische Kreise vorstellen: Die genuin politische Sphäre ist dann vollständig von der unpolitischen beziehungsweise privaten umgeben.

In einer Zeit, in der das Privatleben unsicher geworden ist und sowohl religiöse, als auch säkulare Heilsversprechen an Legitimität oder an grundlegender gesellschaftlicher beziehungsweise privater Relevanz verloren haben, wird die Politik versuchen, in diesen Privatraum vorzustoßen. Das Politische faßt sich dabei auf seinem Weg dahin in seiner Begrifflichkeit und in seinem Selbstverständnis selbst weiter. Politik findet nunmehr nicht nur in den entsprechenden Organisationen und Institutionen statt, sondern requiriert sich zunehmend auch aus dem Privatleben der Individuen ihrer Gesellschaft. So ist als Folge beispielsweise die Sicherheit des Arbeitsplatzes eines Arbeitnehmers davon abhängig, ob Ideen, Gedanken oder Vorstellungen geäußert werden, welche eine politische Relevanz besitzen könnten. Auch das im unpolitischen Kontext Geäußerte kann dann zum Politikum werden. Zeitgleich haben dann konkrete politische Leitvorstellungen und die damit verbundenen Probleme und Fragestellungen in ihrer Tiefe grundlegende gesellschaftliche Relevanz bereits vollständig verloren. Es wird sich in der Gesellschaft nicht mehr damit auseinandergesetzt, ob die Soziale Marktwirtschaft in ihrer gegenwärtigen Ausprägung sinnvoll oder eine West- oder Ost-Ausrichtung der nationalen Handelsbeziehungen zu bevorzugen sei. – Beziehungsweise erscheint ein offener Diskurs darüber nicht mehr als legitim, da sich ohnehin diesbezügliche Entscheidungen sowohl dem politischen, als auch dem gesellschaftlichen Raum entziehen. Es gibt dann kein Fundament für das politische Geschehen mehr als das des Unpolitischen, des Privaten. Politik muß in Form von Wahlen vollzogen werden, weil es die äußere Ordnung vorgibt. Die politischen Akteure sind gehalten, sich nach dem politischen System zu richten, weil es die äußere Ordnung vorgibt; ihre Existenz als homines politici ist daran geknüpft, wohingegen die politische Ordnung als solche für die Gesellschaft a priori keine Norm darstellt. Würde kein einziges Individuum der Gesellschaft an Wahlen partizipieren, so würde eine Art „künstlicher Naturzustand“ vorherrschen, der in der Ordnung selbst nicht vorgesehen ist. Auch wenn dieser „künstliche Naturzustand“ sich selbst in der „Politik des Unpolitischen“ nur erahnen läßt, so  haben sich doch aber die Prozeße, die Wahlen bestimmen und entscheiden grundlegend gewandelt. Die Präsenz charismatischer Politiker, welche die Gesellschaft „für ihre Sache“ einnehmen wollen, hat sich dann derart verringert, dass im öffentlichen Raum kaum mehr Spannungen bezüglich politischer Sachfragen bestehen. Festzuhalten bleibt, daß gesellschaftspolitische Diskurse und Sachdiskussionen sehr wohl noch auftreten können, diese jedoch für die politische Sphäre und die in ihr getroffenen Entscheidungen kaum noch Relevanz besitzen. Die Politik beginnt auch zunehmend, zur immerwährenden Selbstreflexion zu neigen. – Dies darf man dieser Sphäre gar nicht absprechen. Innerhalb und zwischen politischen Parteien besteht die Partizipation ihrer Mitglieder nicht allein in Form von Parteitagen, sondern nun auch in Form von Workshops, Podiumsdiskussionen und Vorträgen, bei denen jeder seinen Standpunkt vorbringen kann. Politische Vorstellungen werden sehr wohl noch diskutiert. Jedoch besteht in aller Regel Ergebnisoffenheit. Das Ergebnis bleibt offen und es kristallisiert sich keines heraus: Aus der Debattenkultur in den Parteien, Parlamenten und im öffentlichen Leben, aus der durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Argumente und Leitvorstellungen Spannungen, aber auch bürgernahe Entscheidungen hervorgingen, ist eine unverbindliche, ja darum unpolitische Vortragskultur geworden. – „So ziehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Die Gesellschaft erwartet von der „Politik des Unpolitischen“ gar nicht mehr, daß sie die richtigen Entscheidungen trifft, sondern, daß sie sich von ihr in ihren privaten Angelegenheiten angesprochen und berücksichtigt fühlt. Politische Entscheidungen sollen getroffen werden, aber nicht in der Gestalt, daß sie unmittelbare Folgen für die jeweiligen Privatsphären haben könnten. Die „Politik des Unpolitischen“ richtet sich an den Privatsphären aus; es erfolgt allerdings auch eine umgekehrte Ausrichtung: Ein politischer Entscheidungsträger wird an seiner individuellen Fehlbarkeit, an seinem Privatleben gemeßen. – Ehe und Ehescheidung, Krankheiten, Fehlverhalten in der Öffentlichkeit, etc. – Kriterien, anhand derer sich auch jedes andere Individuum bewertet im gesellschaftlichen Kontext bewertet. Der Unterschied zwischen Privatleben und politischer Funktion ist dann als Gegenstand der öffentlichen Betrachtung nahezu aufgehoben. Auch das Aufgreifen und Vermitteln von Gefühlen, die eigentlich aus der kleinsten sozialen Einheit, nämlich der der Familie oder der Beziehung stammen, wird öffentlich derart relevant, daß es sogar zur Manifestation der (politischen) Amtshabe angewandt werden kann. Nicht mehr das Politische tritt in den Vordergrund, sondern die Wesenhaftigkeit als individuelle Person. Wenn die Gesellschaft beispielsweise nach Glückseligkeit strebt, dann erwartet sie dies auch von ihren Entscheidungsträgern. Die Selbstverständlichkeit der Privatisierung der politischen Sphäre führt dazu, daß ein Großteil der Gesellschaft sich entsprechend konform verhält.

Dieses Selbstverständnis der „Politik des Unpolitischen“, wäre ohne die öffentliche Sphäre als Zurschaustellerin von Privatsphären nicht denkbar. Im Grundbegriff des Politischen – ausgehend von altgriechisch „polis“, der „Stadt“ beziehungsweise „Burg“ – ist bereits genuin das Potential zur Entfaltung und Ausbreitung des Privaten in der Öffentlichkeit veranlagt. Innerhalb einer Stadt, aber gerade auch innerhalb einer Burg, in der sich das Politische konzentriert und dort zugleich  rezipiert und kommentiert wird, sind die Individuen mit den ihnen anhaftenden Privatsphären aufgrund der immer größer werdenden Knappheit der Ressource Raum ständig dazu angehalten, sich über das Private auszutauschen und Privates in der öffentlichen Sphäre preiszugeben – Identität, Familienstand, Vermögen, soziale Stellung, Sexualität, Interessen, Bildung, … Dieser Vorgang ist also nicht erst seit der Entwicklung und massiven Ausweitung moderner Massenmedien und Kommunikations- und Informationsformen zu beobachten. Als dem Internet vorangegangen kann so beispielsweise auch die Entstehung von Plattenbauten gelten, in denen viele Privatsphären zusammengefaßt und genormt werden. Es entstand damit gleichsam eine eigene Öffentlichkeit in Form der Bewohner dieses einen Plattenbaus: Jeder wußte fortan vom anderen, wie er wohnt. Durch die Medienmodernisierung tritt eine sonst mehr oder minder im Verborgenen liegenden Bewußtseinsstruktur vielleicht noch viel klarer hervor: Eine Gesellschaft muß nun auch daran gemeßen werden, welche Relevanz sie dem Privaten in der öffentlichen und der politischen Sphäre zugesteht. Durch die Entstehung multimedialer Netzwerke wurde die Möglichkeit geschaffen, das Politische nicht nur zu kommentieren, sondern auch unmittelbar Teil dieser Sphäre zu werden, da ohnehin schon alle Sphären beginnen, ineinander überzugehen. Wer an multimedialen Netzwerken partizipiert, kann darüber entscheiden, ob er nur ein Mindestmaß oder selbst die intimste Sphäre wie beispielsweise die der Ich-Reflexion in Form von öffentlich geführten Tagebüchern von sich preisgibt. Auch wenn den Individuen die überwiegende Entscheidungshoheit darüber gelassen wird, was in welchem Umfang der Öffentlichkeit von sich preisgegeben wird, so ist doch zu beobachten, daß das Veröffentlichte eine Art „Eigenleben“ entwickeln kann, indem – beabsichtigt oder nicht – es für Marktforschungszwecke genauso eingebunden werden kann, wie für politische Kampagnen oder psychologische Studien. – Das Privaten löst sich dann von den Individuen los. Auch unabhängig davon, ob man Teil einer sozial strukturierten, multimedialen Gemeinschaft ist oder nicht, besteht jederzeit die Möglichkeit, daß durch Dritte Privates über einen selbst preisgegeben wird. Der Mensch als soziales Wesen, als Teil der Gesellschaft mit ihren ständigen, nie abreißenden Interaktionen, kann an der neu geschaffenen Dimension der permanenten Veröffentlichung und Verbreitung in Form des Internets nicht vorbeigehen. Um Ulrich Becks Begriffsbestimmung der Risikogesellschaft aufzugreifen, so muß diese nun erweitert werden um das Risiko, daß jede Handlung, die im privaten und/ oder öffentlichen Raum unternommen wird, den Handelnden unabhängig von seiner Absicht vulnerabel werden laßen kann. Das Individuum steht einer Verselbstständigung von es betreffenden Informationen dann machtlos gegenüber und es kann die Wirkungen, die sich daraus für es ergeben können, aufgrund der Vielzahl von Rezeptions- und Verbreitungsmöglichkeiten nur begrenzt beeinflußen. Aus der unübersehbaren Informationsfülle wird dann eine Informationsohnmacht für das Individuum, derer sich die Politik bedienen kann und derer sich die „Politik des Unpolitischen“ weitgehend bedient – sei es durch gezielte Informationsbeschaffung und –sammlung, Stimmungsanalysen, Kampagnen, etc. Gleichzeitig erwächst in der Gesellschaft aber auch die Chance, durch gezielte Veröffentlichungen und Kampagnen als einzelnes Individuum oder als Gruppe auf politische Prozeße gezielt Einfluß zu nehmen. In jedem in der Öffentlichkeit Auftretenden besteht so das Potential, selbst zum homo politicus zu werden: Es muß immer abgewogen werden, welche Information zu welchem Zeitpunkt an wen preisgegeben wird. Trotz dieses erforderlichen Kalküls entstehenden durch Replikationen wiederum unübersehbare und unkontrollierbare Informationsketten und mitunter auch parallelisierte Kommunikationsprozeße über diese gezielt preisgegebenen Informationen in unterschiedlichen sozialen Gruppen und Medien. Selbst die kalkulierte Informationspreisgabe durch Politik, Gruppen oder Individuen kann die Verselbstständigung von Informationen und somit nicht-intendierte Wirkungen nicht unterbinden. Im Bewußtsein dessen kann es geschehen, daß Informationen gar nicht erst publik gemacht werden, obwohl diese für die Öffentlichkeit sehr wohl von Relevanz wären. Gerade in diesem Kontext treten auch Phänomene wie Spionage, Untreue, Enthüllungen, Affäre oder Intrige auf. – Die Information als Form des Kapitals ist in der „Politik des Unpolitischen“ permanent bedroht.

In der „Politik des Unpolitischen“ werden der Kultur, insbesondere dem Theater und der Literatur als identitäts- und kohäsionsstiftende Mittel zur Selbstreflexion der Gesellschaft ihre Existenzgrundlagen entzogen. Der Versuch eines Belegs: Zu Zeiten monarchistischer beziehungsweise absolutistischer Ordnungen, erfolgte die Orientierung der Gesellschaft über den Hofstaat und dessen Repräsentanten, die eine besondere Strahlkraft besaßen. Wünsche, Träume, Hoffnungen, Ideale und Phantasien der Gesellschaft wurden auf Figuren wie der des Märchenprinzen, des vernünftigen und gutmütigen Königs oder der tugendhaften Prinzessin projiziert. Volksmärchen und –erzählungen besaßen eine nicht unerhebliche gesellschaftliche Relevanz. Mit der Herausbildung der Idee des modernen Nationalstaats gingen gleichsam auch eine Verbreitung von Schrift und Lektüre und ein vereinfachter Zugang zur Bildung einher. Dieser Prozeß löste die Volksmärchen und Erzähltes generell als dominierendes Mittel der Orientierung, Selbstreflexion und Gefühlsprojizierung innerhalb der Gesellschaft zunehmend ab. An dessen Stelle trat die Literatur als niedergeschriebenes Wort. Man denke nun an Goethes Werther, welcher zum einen, die Mode seiner Leser maßgeblich beeinflusste und zum anderen eine signifikant angestiegene Suizidrate hervorrief. Man denke aber auch beispielsweise an den Dichter Theodor Körner, der mit seinen Versen Gedanken für den Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft und für ein erstarkendes Nationalbewußtsein aufgriff. Mit der Herausbildung unterschiedlicher politischer Leitvorstellungen wie Sozialismus, Konservatismus und Liberalismus und der sich daraus ergebenden Unsicherheit in der Gesellschaft ging auch eine Pluralisierung literarischer Formen und Bewegungen einher. Exemplifiziert findet man eine Ausprägung dieser Entwicklung zur Jahrhundertwende mit verschiedensten literarischen Strömungen, Denk- und Stilrichtungen, die unabhängig voneinander versuchten, die sich im Umbruch befindlichen gesellschaftlichen Verhältniße und den sich herausformenden modernen Menschen zu beschreiben und zu deuten.  Als letztes Beispiel für diesen Abschnitt kann auch Heinrich Manns Erfolgroman „Der Untertan“ herangezogen werden, der die ganze Mentalität der wilhelminischen Epoche widerspiegelt und persiflierend der ihr angehörenden Gesellschaft vor Augen führte. Aber auch bis in die Herausbildung der modernen demokratischen Gesellschaften wirkte die Literatur fort. Durch die Literatur wurden gesellschaftliche Debatten angeregt und befeuert. Die Literatur gewann das Element des Engagements hinzu. So prägten die Autoren der Gruppe 47 durch das Aufgreifen gegenwärtiger Themen wie Geschichtsaufarbeitung, Identität oder später Medien- und Konsumkritik die Entwicklung der noch jungen bundesrepublikanischen Gesellschaft mit. Neben klassischen epischen Formen wie Roman, Erzählung und Kurzgeschichte kamen auch der Essay, der Kommentar und offene Briefe von Schriftstellern zu aktuellen Zeitfragen hinzu. – Mit dem Wandel der Staatsformen, Gesellschaftsordnungen, politischen Leitvorstellungen und Paradigmen ging also auch ein Wandel der Mittel der Selbstreflexion einher.

Fortschreitende Theatralisierung der Öffentlichkeit durch permanentes Vermengen von Privatem und Öffentlichem führt dann aber zu einer „Politik des Unpolitischen“. – Individuum, Gesellschaft und Politik sind durch das beständige Eingebundensein in mediale Prozeße und deren Abhängigkeit davon, eine Allianz eingegangen und zu einer Sphäre der öffentlichen Privatsphäre geworden. Es bedarf an und für sich keiner erzählerischen Illusionen mehr, weil die Gesellschaft durch die permanente Gleichzeitigkeit von schockierenden und erfreulichen Nachrichten desillusioniert ist. Aufgrund des Eindrucks der Gesellschaft, daß alles schon einmal gesagt, geschrieben und versucht worden ist, alle Tiefe abgetastet und alle Höhen erklommen worden sind, gilt es für das Individuum, daß nichts mehr verborgen werden muß, weil alles ohnehin schon offenbar ist. Diese neue Gesellschaft, in der die „Politik des Unpolitischen“ vollständig ausgeprägt ist, bedarf keiner Bühne zur Selbstreflexion mehr. Diese neue Gesellschaft ist dann zu ihrer eigenen Bühne der Gleichgültigkeit geworden. Der Beginn der Politik mit der Betrachtung der Wirklichkeit – nach einem vielzitierten Satz – spezifiziert sich dann zu einer Betrachtung der neuen privat-öffentlichen Gesellschaft und ihrer selbst.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑